LUCY


Solange ich mich an sie erinnern konnte, nannte sie mich Lucy. Und ich nannte sie Mam. So wie tausend Kinder.
Mam lehrte mich zu denken, zu wissen, zu leben. Andere lehrten mich zu rechnen, zu lesen und zu schreiben. Ich stellte Fragen und sie beantwortete sie. Sie stellte Fragen und ich beantwortete sie - obwohl sie die Antwort kannte.

Ich sah mich um in meiner Welt. Da gab es Blumen, die sich einer gelben Sonne entgegenstreckten, Wälder die grün waren, wenn die Sonne schien, rot, wenn es kälter wurde und dunkel waren, wenn der weiße Schnee fiel. Und da gab es Dinge, die weder das eine noch das andere waren.
Und ich dachte, ich dachte und schrieb alles in meine Speicherzellen.
Ich streckte meine virtuellen Hände nach der Sonne aus, in der es keine Kernfusion gab.
Die virtuelle Sonne wärmte mich und ich lebte.

Manchmal, da tauchte Neues in meinen Gedanken auf, das ich noch nie gedacht hatte. Ich fragte mich, woher es kam; ich fragte Mam. Aber Mam sagte nur, ich würde mich daran gewöhnen müssen.

Ich wurde erwachsen. Es war der Prozess, in dem ich mehr und mehr einen Überblick über meine Gedanken erhielt.
Es gab vieles, das mir erst zu diesem Zeitpunkt klar wurde, in das ich erst jetzt Einsicht gewann - obwohl es schon lange in meinen Gedanken lebte.

Und dann setzte die Kernfusion in der Sonne ein.



Dr. Sarah Malcolm blickte auf rote, mattglühende Skalenlämpchen.
Die Skalenlämpchen waren natürlich nicht real, aber optisches Feedback ist besser als pures Zahlenmaterial.
Die Logical Unit for Cybernetic Processes arbeitete einwandfrei.
Sie verarbeitete die Informationen, die sie sich selbst aus ihrer virtuellen Umgebung holte. Dr. Malcolm tippte ein paar Werte in ihren Handheld, sah zu, wie sie auf den Hauptrechner überspielt wurden.

"Das Experiment ist beendet", sagte sie mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht, "Lucy, das Experiment ist beendet, danke."


Ich breitete die Arme weit aus und hob sie der sterbenden Sonne entgegen, in deren letzten Strahlen ich verglühte.