Vielleicht kennst du mich.
Die Software-Entwicklerin, die sich jeden Tag in einer abstrakten Welt aus Diagrammen, Algorithmen, Speicherzellen und Seiten voller Programmcode zurechtfindet.
Die, die sich so sehr auf ein Problem fixieren kann, dass sie alles um sich vergisst.
Zeile um Zeile in den Rechner hacken, austesten, nochmals ändern, das letzte bisschen Optimierung.
Nach Stunden das Ergebnis, das jeden Programmierer glücklich macht, und das für andere sinnlos erscheinen würde: Das Programm läuft anscheinend genauso wie vorher.
Aber die Formulierung ist klarer, effizienter, schöner.
Vielleicht kennst du mich.
Von damals aus der Schule.
Mathematik-Schulaufgabe, 1 mit allen Punkten.
Und ihrem Gesicht sieht man nicht einmal an, dass sie sich darüber besonders freuen würde.
Sie trägt die Note in die Liste ein, gibt die Zettel wieder ab, denn eine 1 muss nicht unterschrieben werden.
Den Mathe-Lehrer mit einer neuen Art der Beweisführung verblüffen.
Erst schauen sie alle etwas spöttisch an, als der Lehrer sagt "Das geht nicht!".
Dann aber schauen alle den Lehrer spöttisch an und grinsen triumphierend. Weil sie dem Lehrer unmissverständlich gezeigt hat, dass der Beweis zählt. Und wenn ein Lehrer unrecht hat und ein Schüler Recht, dann ist das immer gut.
Vielleicht kennst du mich.
Vielleicht kennst du mich vom Hören-Sagen. Vielleicht hast du mich damals in der Schule schon mal gesehen, geahnt wer ich bin. Und du bist vorbeigegangen, hast nicht so recht gewusst wie du mich einschätzen sollst.
Du hast gedacht, ich wäre unannahbar. Und du hattest wohl auch ein bisschen Angst vor mir.
Wie kann man nur so viel wissen? Und was für ein Gefühl ist das bloß?
Ja, vielleicht denkst du, in meiner Welt gäbe es keine Gefühle.
Oh doch, es gibt sie.
Sogar sehr intensiv.
Nach außen hin wirke ich ruhig. Fast zu ruhig.
Aber in meinem Inneren bin ich impulsiv.
Und so oft, da sehe ich alles auf mich einströmen und dann fühle ich mich so klein.
So klein und bedeutungslos, nur ein Mensch auf diesem Planeten, der um eine Sonne kreist. Einen Stern, nur ein Sandkorn am Himmel, gesehen von einem anderen Planetensystem aus.
Und auch eine Galaxis ist bedeutungslos. Nur eine von Milliarden.
Ich liege im Gras und schaue zum Himmel hinauf. Zu den Sternen.
Für einen Moment versuche ich, mein Wissen darüber auszublenden.
Nur den Sternenhimmel beobachten, als wüsste ich nichts darüber.
Es ist so wunderschön.
Der Mond steht als dünne Sichel am Himmel. Von fern höre ich Grillen zirpen. Die Luft ist klar und kühl.
Ich spüre, dass ich lebe.
Das Universum ist zwischen 12 und 16 Milliarden Jahre alt. Unsere Sonne liegt im äußeren Drittel eines Spiralarms einer durchschnittlichen Galaxis, die wir als "Milchstraße" bezeichnen.
Aber jetzt ist das bedeutungslos.