"Pass dich an!"
"Sei wie die anderen!"


Pass dich an, pass dich an... ich kann's einfach nicht mehr hören!
Wie oft verlangte man das von mir zu Schulzeiten.
Pass dich an - das bedeutet: du bist falsch.
Fehl am Platze, nicht gesellschaftskonform. Du bist nicht wie die Masse, und das passt hier nicht rein. Pass dich an - das heißt: vergiss, wer du bist. Vergiss, wie du wirklich bist. Vergiss, wie du selbst ganz tief in dir drinnen bist.
Pass dich an - das heißt: wie du tief in dir drinnen bist, ist uns egal. Aber präsentiere dich bitteschön nach außen hin so, wie du zu sein hast. Vorschrift.
Pass dich an - das heißt: verstell dich.
Setze eine Maske auf, spiele deine Rolle - und du weißt nicht einmal, welche Maske und welche Rolle.
Nur eines spürst du: du bist falsch. So wie du bist, will man dich nicht haben.
Das spürst du, jeden Tag.
Und genauso wenig, wie du weißt, welche Rolle du spielen noch wie du dich anpassen sollst, weißt du, warum du - nur du - dir umständlich diese Maske aufsetzen sollst, mit der du dich nicht wohlfühlst - während andere das nicht nötig haben.
Warum? Warum nur du? Weil du falsch bist.

Deine Werke, deine Erkenntnisse - angeblich falsch. Denn man wirft nur einen flüchtigen Blick auf deine Werke. Sie sehen nicht aus wie die der anderen, man sieht es auf den ersten Blick - und darum sind sie falsch. Ein zweiter Blick wird nicht riskiert. So anders, das kann doch nur falsch sein. Falsch, falsch, falsch. Da ist es wieder.
Deine Ideen nennt man Hirngespinste, denn sie passen nicht hier rein.
Deine Träume - vergiss sie...!

Pass dich an, sei wie die anderen! Es fällt schwer, sich zu verstellen. Es fällt schwer, wie die anderen zu sein, wenn man gar nicht weiß, wie sie sind.
Verstellen ist schwer, und es klappt auch nicht richtig.

Es ist, als ob man ein Puzzleteilchen um alles in der Welt passend machen will - Ecken abschneiden, Einkerbungen hinzufügen, die Textur übermalen.
Und sich dann natürlich auch noch darüber beschweren, dass man schon von weitem sieht, dass das Puzzleteil einfach nicht so recht hineinpasst - höchstens wie "passend gemacht", aber niemals wirklich "passend". Denn sein Platz ist ein anderer.


Wenn man sich immer verstellen muss, versagt man zwangsläufig.
Ich sage immer, das ist als wenn man sich einen neuen Computer kauft, irgendein Betriebssystem - sagen wir mal, Windows - drauf laufen lässt, auf Windows eine Linux-Emulation, auf der Linux-Emulation eine BeOS-Emulation, und auf der dann eine Mac-Emulation. Wenn das noch läuft, dann langsam.
Weiß nicht, wie gut du dich mit Computern auskennst und ob dir das was sagt.
Aber falls dir das etwas sagt, dann weißt du, was ich meine.

Man verbraucht einfach zu viel Kapazität, um sich anzupassen. Da bleibt einfach nichts mehr übrig.

Jeden Tag wird einem die Andersartigkeit bewusst. Und man kann gar nicht anders, als diese
Andersartigkeit - die zu definieren man unfähig ist - als etwas Negatives wahrzunehmen.




Es gibt Inseln, auf die ich mich zurückziehen kann. Inseln, auf denen ich normal bin - dort wird meine Andersartigkeit gar nicht bemerkt, denn dort hört sie einfach auf zu existieren.
Dann vergesse ich, dass ich anders als so-und-so-viel Prozent aller Menschen bin - denn hier bin ich nicht anders.
Normalität. Wohlgeschätzte Normalität.
Hin und wieder muss ich diese Inseln - gefunden nach viel zu langer Zeit - verlassen. Und dann merke ich wieder, dass es diese Orte gibt, an denen ich anders bin.
Aber dann ist es nichts Negatives mehr.
Ich weiß ja, ich kann zurückkehren.
Ich habe gelernt, zurechtzukommen. Schwierig manchmal. Schwierig, sein Innerstes zu zeigen, wenn man doch weiß, wie oft einem dies zum Verhängnis wurde. Schwierig selbst dann, wenn man weiß, dass die Menschen auf dieser kleinen Insel wohlwollend sind.



A rusty
butterfly
wings
made of metal
brown, not silver
breaking in the wind

Flowers
invisible
rain and sun
destructing

but the last
drop of water
falling on breaking wings
wakes him up
in the sunshine
colorful wings
flying